Ein berührender Bericht von 1796 zum Kastratentum
Albert Friedrich May (1773 – 1853) stammt aus der Berner Patrizierfamilie von May, welche seit etwa 1404 das Burgerrecht in Bern besitzt. Er war Politiker, Sekretär des Helvetischen Direktoriums und Diplomat. Von ihm sind 21 Tagebücher erhalten, von denen 12 Theater-, Opern, Ballett- und Konzertberichte enthalten, welche er während seine Studentenzeit in Jena (1796-97) und den Bildungs-, Geschäfts- und diplomatischen Reisen mit Aufenthalten in Weimar, Chemnitz, Dresden, Leipzig (1796), Berlin, Potsdam, Dessau, Hamburg, Bremen, Amsterdam, Brüssel, Lille (1797), Paris (1799), Mailand, Genua, Florenz (1802), Rom, Neapel, Venedig, Bologna, Parma, Mailand (1803), München und Strassburg (1806) geschrieben hat.[1]
Die Tagebücher wurden zu einem guten Teil von Werner Adams herausgegeben.[2] Das folgende Zitat stammt aus der Zusammenstellung "Die Theater-Tagebücher des Berners Albrecht Friedrich May aus den Jahren 1796 – 1806", Wichtrach 2024, S. 22-23.[3] Der vorliegende Ausschnitt durfte mit freundlicher Genehmigung des Autors hier veröffentlicht werden.
Bemerkenswert ist die Einbettung des Erlebnisses des Kastratengesangs in die Überzeugungen des 23-jährigen Studenten, in welchen sich seine humanistische und politische Einstellung offenbaren.
Dresden, Hofkirche, Donnerstag, 29. September 1796
«Ich wurde aber bald wieder durch die Musik aufgeheitert, die ich in der Kirche hörte. Ausser der vortrefflichen Orgel waren nahe an hundert Musikanten da. Drei Kastraten, die vom Hofe unterhalten werden, sangen bald einzeln, bald vereint in Tönen, die ich bis jetzt nicht gehört hatte. Herrliche Melodien rissen die Seele mit sich fort und versetzten sie in überirdische Sphären. Nie hatte mich eine Musik noch so gerührt wie die heutige.
Aber warum wurde mein Genuss durch den Gedanken gestört, dass diese Töne durch eine Sünde gegen die Menschheit erkauft seien? Warum musste mein Entzücken durch die Grimassen der Mönche fast aufgehoben werden, welche mit gekünstelter heiliger Miene am Altar unverständliche Worte murmelten, und in dem auf den Knien liegenden Volk die Meinung befestigten, dass Kreuze und Weihwasser die Tugend entbehrlich machen können! Ein dichtes Gewölke verdeckt noch an vielen Orten das Licht der Wahrheit. Tausende werden von Nichtswürdigen irregeleitet, damit sie im Schosse des Müssiggangs und der Schwelgerei dasjenige verzehren, was der Arbeitsame im Schweiss erworben hat. Ihre Weiber und Kinder müssen hungern, damit die Wohllüstlinge gefüttert werden und der Dürftigkeit Hohn sprechen können. 0 Menschheit, wie tief bist du von Menschen herabgewürdigt!
Ich muss bei dieser Angelegenheit eine Begebenheit erzählen, die sich hjer vor kurzem mit einem Kastraten zugetragen hat. Er war schon seit vielen Jahren bei der hiesigen Kapelle, und hatte einen sehr grossen Gehalt. Seine Eltern lebten in der äussersten Armut in einem Städtchen Italiens; sie vernahmen den Wohlstand ihres Sohnes und entschlossen sich zu ihm zu reisen und Unterstützung von ihm zu begehren. In der Hoffnung, von ihrem Sohn in Freude aufgenommen zu werden, eilten sie gleich nach ihrer Ankunft in seine Wohnung und entdeckten ihm die Ursache ihrer Reise. Dieser - mir schaudert dieses niederzuschreiben - geriet beim Anblick seiner Eltern in einen Zustand, der nahe an Verzweiflung grenzte; er brach in die heftigsten Verwünschungen gegen sie aus, warf ihnen vor, sie hätten ihn zum unglücklichsten aller Menschen gemacht, sie hätten schon in seiner frühesten Jugend alles menschliche Gefühl gegen ihn verleugnet, und trügen nun die gerechte Strafe des Himmels für ihre Untat. Man denke sich den Zustand der Eltern, welche die Vorwürfe ihres Sohnes nur allzu gegründet finden mussten. Sie suchten ihn zu besänftigen, und stellten ihm vor, dass er ohne jene Handlung nie zu einer so einträglichen Stelle gelangt wäre. Als aber Bitten und Drohungen vergebens angewandt wurden, so wendeten sie sich an den Oberaufseher des Orchesters, welcher sein Möglichstes tat, um den Sohn zur Unterstützung seiner Eltern zu bewegen, und ihm sogar mit dem Verlust seiner Stelle drohte. Aber alles war vergebens; der Kastrat verliess Dresden, den Tag seiner Geburt verwünschend und diejenigen, die sich in ihm an der Menschheit vergriffen hatten. Durch solche Opfer erkauft man den Ruhm, eine gute Kapelle zu haben. Die Dresdener Kapelle soll auch, wie mir Kenner versicherten, die erste nach denen von Rom und Mailand sein, und die in München um vieles übertreffen. Das Orchester sollte aber für die Zuhörer verborgen sein, damit nicht durch den Anblick der fetten, unbärtigen, blassgelben Menschengestalten ein widriger Eindruck entstehe.»
[1] [↑] Bern, Burgerbibliothek, Mss.h.h.XXXVI.43
[2] [↑] https://www.werneradams.ch/die-reise-tagebuecher-von-albrecht-friedrich-may/
[3] [↑] https://www.werneradams.ch/produkt/die-theater-tagebuecher-des-berners-albrecht-friedrich-may-aus-den-jahren-1796-1806/