Hans Rohr verfasste 1971 ei nbeschreibendes Verzeichnis mit Personen-, Ort- und Sachregister zu den Zürcher Neujahrsblättern. Daraus sei die Einleitung wiedergegeben, die die beste mir bekannte Zusammenfassung zu diesem speziellen, noch heute lebendigen Brauch darstellt:
Die zürcherischen Neujahrsblätter
Der einzigartige Brauch der Publikation von Neujahrsblättern für die Jugend Zürichs, viel später von verschiedenen anderen schweizerischen und einigen deutschen Orten übernommen, reicht in der Entstehungszeit bis zur Mitte des 17. Jh. zurück. Als Urheber vermutet P.Leemann-van Elck den Kupferstecher Conrad Meyer.
Es war damals Sitte, dass die Kinder von Mitgliedern kultureller Gesellschaften und Institutionen am Berchtoldstag *) einen Geldbetrag zum Beheitzen der gesellschaftseigenen Trinkstuben überbrachten, die Mittelpunkt des damaligen geselligen Lebens gewesen sind. Bei dieser Gelegenheit wurden die Kinder mit Kuchen oder dem klassischen Gebäck der Zürcher, den "Tirggeli" und mit Veltlinerwein bewirtet. Die Bewirtung wurde später von der Bürgerbibliothek durch die Uebergabe eines Neujahrsblattes ersetzt und damit die Einrichtung von Neujahrsblättern begründet.
Es ist nicht bekannt,ob zu hohe Kosten Schuld an dieser Aenderung gewesen sind,oder ob sie aus Gründen unstatthaft erscheinender Völlerei (es ist die Zeit des Dreissigjährigen Krieges) vorgenommen wurde. Die illustrierten Blätter in dieser bilderarmen Zeit müssen die Jugendlichen von damals stark beeindruckt und erfreut haben. Sie gehören in Bezug auf die allgemeine Kinderliteratur zu den frühesten Kinder-Periodica.
Immerhin sind auch später, mitsamt der Beschenkung durch ein Neujahrsstück, die Kinder bei verschiedenen Gesellschaften mit Gebäck und Tranksam, zumeist Malaga, beköstigt worden. Bei der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft durften sie gleichzeitig die zoologische Sammlung besichtigen,bei der Künstlergesellschaft die Gemäldegalerie im Künstlergüetli.
Zur Mitte des 19.Jh. wurde der ursprüngliche Zweck,eine Folge für Kinder und Jugendliche zu sein, fallen gelassen. Die Texte wenden sich ab diesem Zeitpunkt mehr und mehr allgemeinen, die Interessen der Erwachsenen berührenden Themen zu. Beibehalten worden ist aber bis in unsere Zeit die schöne Tradition,dass die Kinder am Berchtoldstag die Blätter an den "Stubenhitzen" abholen, doch wird die Teilnahme immer geringer.
Jede Reihe hat einen für sich eigenen Charakter. Berührt werden insbesonders die zürcherische Biographie in Wort und Porträt,das kulturelle Leben Zürichs,die Kunst und das Musikleben,wie auch geschichtliche Ereignisse und Archäologisches,Militärgeschichte und Naturwissenschaften, insbesonders auch das Wohltätigkeitswesen. Unter den Verfassern finden sich bedeutende einheimische Gelehrte, während für die künstlerischen Beilagen die besten Zürcher Kupferstecher am Werke waren. Gerade in Bezug auf jene bieten die Neujahrsblätter eine Dokumentation zur Entwicklungsgeschichte der Zürcher Kleinmeister ersten Ranges und bieten auch wertvolle Beispiele zum künstlerischen Zeitempfinden.
Das Ausland ist verschiedentlich berücksichtigt: Fremde Dienste, Musiker, allgemeine Biographien, Reisen u.a.
*) Nach W.Betulius: Berchtelis-, = Bächtelis- oder Bärzelis-Tag = von "hechten" oder "be(r)chtelen" = schmausen und trinken, verkleidet umziehen, heischen.
Gemäss der Auflistung von Rohr gaben folgende Gesellsc haften Neujahrsblätter heraus:
- Seit 1645 erscheinen die Neujahrsblätter der [1629 gegründeten] Burgerbibliothek; seit 1759 fortgesetzt durch die Neujahrsblätter der Stadtbibliothek; ab 1917 durch die Zentralbibliothek (Erscheinen eingestellt)
- Seit 1685 Musikgesellschaft auf dem Musiksaal und ab 1713 Music-Gesellschaft ab der teutschen Schul. – Ab 1813 Allgemeine Musik-Gesellschaft
- Seit 1689 Gesellschaft der Constaffleren auf dem Zeug-Haus; Erscheinen 1789 eingestellt. – Ab 1806: Feuerwerker-Gesellschaft; ab 1850 Geschichte der Zürcherischen Artillerie
- 1744 Militärische Gesellschaft der Pförtner (1713 gegründet); 55 Neujahrsblätter erscheinen.
- Seit 1779 Gesellschaft der Herren Gelehrten auf der Chorherren; ab 1837: Zum Besten des Waisenhauses
- Seit 1786 Gesellschaft auf dem Schwartzen Garten; Gesellschaft 1807 aufgelöst; nach 1832 Erscheinen eingestellt.
- Seit 1799 Naturforschende Gesellschaft (1746 gegründet)
- Seit 1801 Zürcherische Hülfsgesellschaft
- Seit 1805 Künstlergesellschaft
- Seit 1837 Gesellschaft für vaterländische Altertümer; nachmals Antiquarische Gesellschaft