Accords nouveaux

François-Pierre Goy & Andreas Schlegel

„La Rhétorique des Dieux“: über 30 Jahre Forschung

Eine kurze Einführung (Andreas Schlegel)

Die Rhétorique des Dieux (D-Bkk 78.C.12) ist eine der spektakulärsten Quellen mit französischer Lautenmusik aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Laut Vorrede ist die Handschrift der Musik von Denis Gaultier gewidmet und wurde für 12 Sektionen mit Bezeichnungen für die Modi nach Zarlino (inkl. Aeolisch und Ionisch) mit je einem Prélude und acht Stücken ausgelegt.

Im Mai 1987 reichte ich meine erste Arbeit über die Rhétorique mit dem Titel „Der Codex Hamilton als periphere Quelle der Werke Denis Gaultiers“ am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel ein. Ich hatte damals entdeckt, das in diesem Pergamentcodex Papierblätter eingeschoben sind, welche die Ordnung und die Einheitlichkeit des Buches stören und im Vorwort nicht erwähnt werden. Neben weiteren Abweichungen gegenüber dem Vorwort und dem Fakt, dass nur knapp zwei Drittel der für Musikeintragungen vorbereiteten Seiten Tabulatur enthalten, stellte ich durch Konkordanz-Vergleiche fest, dass die in die Rhétorique eingetragenen Stücke oftmals singuläre Varianten darstellen. Zudem wurden sie von zwei Notatoren eingetragen: Notator A und Notator B.
Seit dieser Arbeit versuche ich, die Geheimnisse der äusserst komplexen Entstehungsgeschichte der Rhétorique zu lüften. Dabei wurde die Zusammenarbeit mit François-Pierre Goy zu einem Schlüssel zum Erfolg. 

Als kurz danach die Dissertation von David Buch im musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel eintraf, begann eine intensive Auseinandersetzung mit dem Handschriftenaufbau, der mich auch nach Berlin führte, um das Original zu besichtigen und aufgrund der Lagenbeschreibung neue Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte zu gewinnen. Die originale Bindung des Manuskript ist hingegen nicht mehr eruierbar, zumal der Buchblock an der Bindungsseite beschnitten wurde und die heutige Bindung mittels Falzstreifen bewerkstelligt ist. Die heutige Bindung ist sehr eng, so dass eine exakte Lagenbeschreibung ohne Gefährdung des Buches nicht möglich war.

Die Resultate der Forschungen und Auseinandersetzung mit Buchs Dissertation sind in der Artikelreihe in Gitarre & Laute von 1989 dargestellt (siehe unten: "Bibliographische Angaben und Links"). Die Artikelserie des Verfassers wurde auf Wunsch der Lute Society of America von einem befreundeten amerikanischen Musikwissenschaftler übersetzt. Ohne Angabe von Gründen erschien der Aufsatz aber nie – hingegen wurde 1995 Buchs Artikel „On dating the Lute Music in „La Rhétorique des Dieux“: New Evidence from Watermarks“ (1) publiziert.

Buch stellte darin die Artikelserie des Verfassers von 1989 für das englischsprachige Publikum folgendermassen vor:
„His (Schlegel‘s) main points are these: he sees the lute music by Denis Gaultier in the Rhétorique as distantly removed from its mid-seventeenth-century origins, and he described the manuscript as a peripheral source with no direct connection to Gaultier‘s own version of his lute music or to the notation style of the repertory during its apex in the grand siècle.“ Er redet von „Schlegel‘s revisionary history“. (2)
„Mr. Schlegel contrives two scenarios where the lute music is inscribed at a significant later phase of the manuscript‘s assembly by individuals who had no contact with the original creators. His reasons are based mostly on his belief that the unusally sparse tablatures of the Rhétorique are not consistent with contemporary national practices. In both of his scenarios the twelve paper pages are created and inserted when the manuscript is bound in its present form, and he believes that these pages with their accords precede the inscription of the music. In his preferred scenario the two scribes copy the music into the manuscript after the present binding is completed. I believe the evidence presented below will show all of these hypotheses to be specious.“(3)

Diese „Zusammenfassungen“ müssen in mehreren Punkten zurückgewiesen werden:

  1. Es finden sich keine konkreten Aussagen zur Datierung der Tabulatureinträge in der Artikelserie, sondern nur die Aussage, dass es einen Unterbruch gab und die „Fertigstellung“ nicht mehr im Sinne des ursprünglichen Plans erfolgt ist. 
  2. Die ungewöhnlich sparsame Schreibweise wird konstatiert, hingegen nicht als Argument verwendet. Hingegen werden die Varianten – also Abweichungen gegenüber allen anderen erhaltenen Versionen – diskutiert und als Argumente gegen eine besonders von Denis Gaultier autorisierte Fassung gewertet.
  3. In der Tat wurden im Artikel verschiedene Szenarien der Abfolge der Arbeitsgänge diskutiert. Hingegen wird klar festgehalten: „Diese Bemerkungen (zum Fehlen des Portraits Anne-Achille de Chambrés und seiner Frau, AS) sowie die Tatsache, dass zwei sich ausschliessende Rekonstruktionsversuche denkbar sind, zeigen, wieviel Interpretationsmöglichkeiten die bis heute bekannten Fakten zur Entstehungsgeschichte noch offen lassen. Wichtig scheint dem Verfasser, dass auf die vorliegende Gegenposition zur herkömmlichen Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Rhétorique keine neuen Glaubensbekenntnisse, sondern weitergehende Forschungsarbeiten folgen.“ (4)

Buch geht also nicht auf die Argumentation für die Hauptaussage der Artikelserie ein, wonach „Denis Gaultier nicht direkt an den Fassungen und am Eintrag seiner Stücke beteiligt gewesen sei“(5), sondern tauscht meine Argumente mit eigenen „Zusammenfassungen“ aus, die er mir in die Schuhe schiebt und versucht dann, diese „Zusammenfassungen“ zu widerlegen.

Buch lieferte 1995 folgende Forschungbeiträge: 

  • Er kann die heutige Bindung aufgrund des Wasserzeichens der Vorsatzblätter und des Stils auf das späte 18. bis Mitte 19. Jahrhundert datieren.

Somit bestätigt er die 1933 von Jean Cordey aufgestellte Hypothese. Ich habe diese Bindung für die Bedeutung der Entstehungsgeschichte als nicht relevant angeschaut und „unterschlagen“, zumal die Bindung des Buchblocks mittels Falzstreifen keine Aussage mehr über die Abfolge der alten Bindungen zulässt – ausser dem Hinweis, dass eben der ganze Buchblock und nicht nur die allenfalls später eingefügten Blätter mit den „Accords“ mittels Falzstreifen gebunden wurden. 

  • Das Wasserzeichen auf den Blättern mit den „Accords“ datiert Buch auf 1624 (6).

François Lesure will sich im Gegensatz zu Buch in seinem Vorwort zum Minkoff-Faksimile von 1991 auf kein Datum festlegen (7) und Gustafson datiert dias Papier in seinem 1979 erschienenen Werk auf 1645-1675 (8). Das Wasserzeichen bezeichnet einen „terminus post quem“: Das Entstehungsdatum sagt wenig über das Verwendungsdatum aus, ausser, dass Papier erst nach dessen Entstehung beschriftet werden kann. 

Buchs Diskussion um die Accords und ob sie vor oder nach den Tabulatureintragungen geschrieben wurden – wann sie eingefügt wurden, ist nochmals eine andere Frage – ist unnütz, weil sie nicht in Betracht zieht, dass in der Phase der „Entstehung nach Plan“ wohl Abschreibvorlagen existiert haben dürften, auf die sich der Notator der Accords-Formeln ebenso hätte beziehen können wie auf die heute eingetragenen Werke. Aussagen über die Reihenfolge sind also derart hypothetisch und mit so vielen fraglichen Voraussetzungen belegt, dass sie keinen praktischen Aussagewert enthalten und vor allem kein Argument gegen die inhaltliche Analyse und Bewertung der Tabulatureintragungen darstellen. (9)

Eine weitere Quelle taucht auf

Robert Spencer gab François-Pierre Goy und mir wohl 1989 – also nach meiner ersten Artikelserie – eine Kopie einer damals in seinem Besitz befindlichen Handschrift, welche heute als Manuskript 12 in der Privatbibliothek von Matthias Schneider liegt (D-Fschneider Ms. 12). Dieses Manuskript enthält Eintragungen von Notator B der Rhétorique.

Die Texte unter den Lautenstücken wurden 1995 von François-Pierre Goy weitgehend identifiziert (10). Darüberhinaus beinhaltet dieser Aufsatz Informationen zu den Bildinhalten. Kurz danach publizierte Goy biographische Neuigkeiten über den Auftraggeber Anne-Achille de Chambré (11).  

1997 entgegnete ich der Argumentation von Buch in einem Artikel, in welchem die in der Artikelserie von 1989 bereits vorgestellte Theorie der inhaltlichen Annäherung an die verschiedenen Fassungen desselben Stückes mittels der Begriffe "Überlieferungsspektrum" und "Formulierungsspielraum" präzisiert wird. Eines der gegebenen Beispiele –  "La Champré" von Denis Gaultier – betrifft zwei Eintragungen in zwei verschiedene Manuskripte (Rhétorique und D-Fschneider Ms. 12) in der Hand von Notator B. Die zwei Fassungen weichen stark voneinander ab. Die Fassung, die Notator B in die Rhétorique eingetragen hat, liegt klar ausserhalb des für französische Barocklautenmusik üblichen Formulierungsspielraumes. 
Und somit ist die Diskussion um die Rhétorique bezüglich der Bewertung der Tabulatureinträge wieder dort, wo sie sein sollte: bei der differenzierten Quellenkritik.

2008 gab Matthias Schneider sein Einverständnis zu einer Edition aller Werke in der Hand von Notator B. Durch die gründliche Erforschung der weiteren Quellen (siehe B-Bc FA VI 10 auf dieser Homepage) und der Biographien der an der Rhétorique beteiligten Personen wuchs das Projekt stetig an. 
Mittlerweile befinden wir uns in der Phase, in welcher wir die definitive Form der Publikation festlegen und die Resultate der Forschung möglichst übersichtlich darstellen müssen. Dieses Ausarbeiten wird noch Zeit beanspruchen, so dass sich François-Pierre Goy und ich uns entschlossen, den Zwischenbericht, den wir am Festival der Laute am 1. Juni 2013 in Bremen als Vortrag abgeliefert haben, hier zu publizieren (siehe Seite "Bremen 2013").
Seit diesem Vortrag sind weitere, ganz wesentliche Entdeckungen dazugekommen (z.B. die Identifikation von Montarcis). Wir haben uns entschieden, diese Neuerungen jeweils kurz im damaligen Vortragstext an entsprechender Stelle mit „Ergänzung 2016“ und kursivem Text anzumerken.

(1) David Joseph Buch, On dating the Lute Music in „La Rhétorique des Dieux“: New Evidence from Watermarks, in: Journal of the Lute Society of America XXV (1992, © 1995), S. 25-37 
(2) op. cit., S. 26 
(3) op. cit., S. 28 
(4) op. cit., Nr. 2, S. 22a 
(5) op. cit., Nr. 2, S. 22b 
(6) Buch, On dating…, S. 34 
(7) François Lesure (Hrsg.), Denis Gaultier, La Rhétorique des Dieux, Faksimile mit Vorwort und Konkordanzentafel von François-Pierre Goy, Genf 1991, S. XXI, note 1 
(8) Bruce Gustafson, French Harpsichord Music of the 17th Century, Ann Arbor 1979, Vol. I, S. 181   
(9) Buch erwähnt die vom Verfasser 1989 präsentierte Idee nicht. Diese Idee ist zu finden in op. cit., Nr. 2, S. 19a, 19b, 20a, 20b, 20c, 21a, 21b, 21c, 22b 
(10) François-Pierre Goy, Antiquité et Musique pour Luth au XVIIème siècle: Les Sources de l‘Iconographie et des Arguments de „la Rhétorique des Dieux“, in: Bulletin de l‘Asociation Guillaume Budé, Oktober 1995, S. 263-276 
(11) François-Pierre Goy, Anne-Achille de Chambré et sa famille, in: Tablature (Bulletin de la Société française de luth), 12 (1996), No. 3, S. 8–11.

Bibliographische Angaben und Links:

  • David Joseph Buch: La Rherorique des Dieux: A Critical Study of Text, Illustration and Musical Style, Diss. Northwestern University 1983 (UMI An Arbor)

  • Andreas Schlegel: Bemerkungen zur Rhétorique des Dieux, 1.Teil: Zur Entstehungsgeschichte, in: Gitarre & Laute 2/1989, S.17 - 23; 2.Teil: Die Tabulatureinträge vor dem stilistischen Hintergrund der französischen Lautenmusik des 17. Jahrhunderts, in: Gitarre & Laute 3/1989, S.17 - 23; 3.Teil: Die Tabulatureinträge in der „Rhétorique“, in: Gitarre & Laute 4/1989, S.27 - 32
    Originaltext deutsch inkl. Musikbeispiele
    Englische Übersetzung; Musikbeispiele

  • David Joseph Buch (Hrsg.), La Rhétorique des Dieux, Faksimile-Ausgabe, Madison 1990 (Recent Researches in the Music of the Baroque Era, A-R Editions, LXII). (Kostengünstige Edition mit Faksimile, Transkription und Kommentar)
  • François Lesure (Hrsg.): Denis Gaultier, La Rhétorique des Dieux, Faksimile-Ausgabe, mit Vorwort von François Lesure und Konkordanzentafel von François-Pierre Goy, Genf 1991. (Hochqualitative Abbildungen und interessante Einführung mit neuen Quellen zur Biographie von Anne de Chambre; hervorragende, aber nicht mehr neueste Konkordanzenliste, vgl. CNRS-Edition: Oeuvres de Denis Gautier von 1996)
  • Tim Crawford, Rezension zur Edition der Rhétorique von D. Buch, in: Early Music 29 (1991), S. 293-296.
  • Robert Spencer, Rezension zur Edition der Rhétorique von D. Buch, in: Music & Letters 73 Nr. 4, November 1992, S. 648-650. (Die darin angekündigte englische Fassung meines Artikels ist aus unbekannten Gründen nie erschienen)
  • Monique Rollin & François-Pierre Goy (Hrsg.): Oeuvres de Denis Gautier, Paris 1996 (CNRS, Corpus des Luthistes Français). (Viele neue biographische Erkenntnisse und hervorragende Konkordanzenliste)
  • François-Pierre Goy, Antiquité et Musique pour Luth au XV!Ième siècle: Les Sources de l'iconographie et des Arguments de "Ia Rhetorique des Dieux", in: Bulletin de l'Association Guillaume Budé, Oktober 1995, S. 263-276. 
  • David Joseph Buch, On dating the Lute Music in „La Rhétorique des Dieux“: New Evidence from Watermarks, in: Journal of the Lute Society of America XXV (1992, © 1995), S. 25-37
  • François-Pierre Goy, Anne-Achille de Chambré et sa famille, in: Tablature (Bulletin de la Société française de luth), 12 (1996), No. 3, S. 8–11.

  • Andreas Schlegel: Was ich dank der „Rhétorique des Dieux“ bisher lernen konnte, in: Jahrbuch der Deutschen Lautengesellschaft, Nr.1 (1997), S.45 - 83

  • François-Pierre Goy & Andreas Schlegel: Zur Edition aller Werke von Notator B der Rhétorique des Dieux und zum Gaultier-Werkverzeichnis. Vortrag gehalten am 1.5.2013 in Bremen, Festival der Laute der Deutschen Lautengesellschaft, mit Ergänzungen aufgeschaltet am 26.6.2016. Link
  • François-Pierre Goy & Andreas Schlegel: Edition aller Werke in der Hand von Notator B: Faksimile der Handschriften D-Fschneider Ms. 12 und S-Smf MMS 23 und weitere Abschriften von Notator B der "Rhétorique des Dieux" (in Vorbereitung)